„Konflikte wird es in dieser Welt immer geben - soziale, politische und wirtschaftliche Konflikte. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Konflikte mit Vernunft ausgetragen und Lösungen gefunden werden, die die Freiheit der Menschen nicht einschränken.“ Mit diesen Worten überreichte der damalige Hessische Ministerpräsident Albert Osswald dem vorläufigen Vorstand – Prof. Dr. Ernst-Otto Czempiel, Dr. Hans Nicklas und Dr. Dieter Senghaas – am 30. Oktober 1970 die Stiftungsurkunde der HSFK. Bereits im Jahr zuvor hatte Osswald in seiner Regierungserklärung die hessischen Hochschulen aufgefordert, ein Programm für ein Institut für Friedens- und Konfliktforschung zu entwickeln. Die Bereitschaft der Landesregierung, die Friedensforschung zu fördern, traf vor allem an der Philipps-Universität in Marburg und der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität auf Widerhall. Auch die Stadt Frankfurt unterstützte die Planungen zur Errichtung eines Friedensforschungsinstituts. So konnte im Sommer 1970 eine elfköpfige wissenschaftliche Kommission ein Programm für Zweck, Aufgabenbereich und Organisation des geplanten Forschungsinstituts erarbeiten:
„Die Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung untersucht die Ursachen, den Austrag und die Möglichkeit der Regelung von Konflikten. Sie beschränkt sich in ihrer Forschung nicht auf die Analyse von Konfliktbedingungen, sondern will auf der Basis solcher Untersuchungen innovative Transformations- und Lösungskonzepte entwickeln, in denen abnehmende Gewalt, zunehmende soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit im internationalen System und in den einzelnen Gesellschaften verbunden werden können. Am erkenntnisleitenden Begriff des Friedens orientiert, analysiert die HSFK die Ursachen ausgewählter internationaler Konflikte, die in den gesellschaftlich bedingten Verhaltensweisen der Konfliktpartner und ihrer Interaktionen begründet sind. Solche Struktur- und Prozeßanalysen sollen systematische und kumulierbare Ergebnisse produzieren, aufgrund deren das Verhalten von Konfliktpartnern transparent gemacht, erklärt und prognostiziert werden kann. Damit wird das Verständnis von Konflikten erweitert und in einer Weise verändert werden, die ein progressives, friedensförderndes Konzept von Außenpolitik und internationaler Politik ermöglichen. Die Stiftung trägt dazu bei, daß die Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung in der Öffentlichkeit und insbesondere in der politischen Bildung wirksam werden. Die Forschungsaufgaben der HSFK müssen auf verschiedenen Ansatzhöhen gelöst werden. Maßgeblich sind die folgenden:
- Internationale Systemstrukturen als universale und regionale Konfliktbedingungen (Konfliktpotentiale produziert durch Interaktionsstrukturen und Verteilungsmuster, zum Beispiel der Informations-, Kapital- und Handelsströme; Analyse von Interdependenzdichten, Kommunikationsmöglichkeiten Technologie, internationaler Organisationen, internationaler Schichtung).
- Internationale Politik: situationsspezifische Konfliktpotentiale und Konfliktprozesse (Rüstung/Abrüstung, Wirtschaftsinteresse, Entwicklungsproblematik, Sicherheitsdilemma, gesellschaftlich-historische Antagonismen).
- Nationale Konfliktpotentiale und gesamtgesellschaftliche Konfliktbedingungen (nationale und kulturelle Verhaltenstraditionen, sozioökonomische Systeme und Herrschaft, klassen- und gruppenspezifische Interessen, öffentliche Meinung und Massenmedien, Sozialisation).
- Außenpolitische Entscheidungsprozesse und Strategien (Einfluß der gesellschaftlichen Kräfte und Administrationen, externe Einflüsse, Diplomatie).
Sämtliche Ansatzhöhen sind relevant für die Konzipierung von Transformationsprogrammen und Modellen der Konfliktregelung. Die Komplexität dieser Forschungsgegenstände bedingt langfristig angelegte Untersuchungen. Dabei werden in interdisziplinärer Kooperation hessische sowie in- und ausländische Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen zusammenarbeiten, in erster Linie aus den Bereichen Politikwissenschaften (Internationale Beziehungen), Soziologie, Wirtschaftswissenschaft, Sozialpsychologie, Völkerrecht, Pädagogik, angewandte Mathematik und Statistik. Mit diesem Forschungsplan unterscheidet sich die HSFK von anderen bundesrepublikanischen Vorhaben, die beispielsweise stärker unmittelbar aktuelle Entscheidungshilfen anstreben, Friedens- und Konfliktforschung bewußt nur als einen Teilbereich ihrer Aufgabenstellung verstehen oder lediglich Ausschnitte der Konfliktforschung behandeln. International steht die HSFK in einer Reihe mit den ebenfalls auf Strukturforschung hin orientierten Instituten in Oslo und Ann Arbor, mit denen sie intensive Zusammenarbeit anstrebt.“
Auf der Grundlage dieses Dokuments beschloss die hessische Landesregierung am 22. Juli 1970 die Einrichtung der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und verabschiedete am 15. September deren Verfassung.
Die Gründung der HSFK zu Beginn des Entspannungsprozesses zwischen Ost und West brachte es mit sich, dass die Arbeit des Instituts sich zunächst vor allem auf die Erforschung des Ost-West-Konflikts, die Rüstungsdynamik, die Rüstungskontrolle und Abrüstung konzentrierte. Im Verlauf der siebziger und achtziger Jahre wurde das Forschungsprogramm modifiziert und erweitert, so etwa um die Nord-Süd-Dimension und deren Wechselwirkungen mit dem Ost-West-Konflikt. Zudem galt es nun, die aus der Grundlagenforschung gewonnenen Erkenntnisse in praktische Politikberatung umzusetzen. Der radikale Wandel des internationalen Systems am Beginn der neunziger Jahre machte dann eine Neubestimmung des HSFK-Forschungsprofils erforderlich. Das 1991 verabschiedete Programm konzentrierte sich in einer Phase grundlegender internationaler, gesellschaftlicher, ökonomischer und technologischer Umbrüche auf „Theorie und Praxis der Kooperation – Europas Beitrag zum Frieden“. Dies schloss auch die Erforschung globaler und regionaler Entwicklungen ein, die den Friedensprozess in Europa beeinflussen können. Dabei rückte der Akzent von der Kriegsursachenforschung stärker auf die Analyse und die Ausarbeitung der Bedingungen des Friedens als einer andauernden gewaltfreien Option für zwischenstaatliche und innergesellschaftliche Konflikte.
Im Jahr 2000 ist die HSFK in ihre vierte wissenschaftliche Entwicklungsphase eingetreten. Mit dem Forschungsprogramm „Antinomien des demokratischen Friedens“ stellt sich die Aufgabe, die scheinbar selbstverständliche Vorstellung, dass Demokratien zwangsläufig friedlich und Demokratisierung nach westlichem Vorbild unter allen Umständen die vielversprechendste Friedensstrategie sei, zu überprüfen. Es geht darum, die Friedensfähigkeit von Demokratien und deren Gefährdungen umfassend zu analysieren und somit neue Handlungsoptionen für Friedenspolitik nach innen und außen zu öffnen. Dies entspricht der Aufgabe der Friedensforschung, Denken und Handeln von Demokratien selbstkritisch zu reflektieren.
Mit diesem Forschungsprogramm ging die HSFK in einen Evaluierungsprozess mit dem Ziel, in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ende 2004 bewertete eine Evaluierungskommission des Wissenschaftsrats die Arbeit des Instituts aufgrund einer schriftlichen Dokumentation sowie einer Reihe von Präsentationen. Die Kommission empfahl im Frühjahr 2005, die HSFK in die Leibniz-Gemeinschaft aufzunehmen. Die Bund-Länder-Kommission beschloss am 19. November 2007, dass die HSFK zum 1. Januar 2009 Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft wird.





