Die Einhegung der Risiken, die von einem ungehemmten mehrseitigen Rüstungswettlauf ausgehen, zählt zu den wichtigsten Aspekten einer normativ gestützten Weltordnung. Die Wichtigkeit ergibt sich aus der ohnedies gefahrenreichen Phase des Machtübergangs von einer unipolaren zu einer eher multipolaren Struktur; aus der erhöhten Störanfälligkeit des internationalen Systems durch Entwicklungen in Regionen, in denen mehrere Großmächte vitale Interessen zu haben glauben, und den Auswirkungen von spektakulären „Singularitäten“ von der Art des 11. September auf die Wahrnehmung und die Strategiewahl maßgeblicher Akteure.
Die zentrale Frage des Projekts ist die nach der Brüchigkeit oder Stabilisierbarkeit einer normativen Ordnung im Feld der Kontrolle von Massenvernichtungswaffen sowie Landminen, Kleinwaffen und Clusterbomben im 21. Jahrhundert. Die Frage soll beantwortet werden durch den Vergleich der Rüstungskontrollpolitiken ausgewählter Akteure, die für das Gelingen oder Scheitern von Rüstungskontrolle ausschlaggebend sind. Gefragt wird nach dem Grad an Überlappung/Gemeinsamkeit bzw. Differenz/Gegensätzlichkeit nicht nur der angestrebten Politiken, sondern auch der dahinter liegenden Wahrnehmungen, Weltbilder und Selbstbilder und – damit verbunden – der von den Akteuren definierten vitalen Interessen. Dabei wird der Frage der Gerechtigkeit des Status Quo und der jeweils angestrebten Regelungen und der Beziehung der jeweils angewandten Gerechtigkeitsstandards zu den Interessen besondere analytische Aufmerksamkeit gewidmet.
Im Sinne der konstruktivistischen Normenforschung untersuchen wir die Zusammenhänge zwischen Identität/Rollenverständnis, Interessenkonstruktion, angestrebten normativen Ordnungen und ihrem zugrunde liegenden Gerechtigkeitsstandard und politischem Output. Diese Konfigurationen – und die Kontinuität bzw. der Wandel, die wir in ihnen feststellen - lassen Schlüsse darüber zu, wie festgefügt bzw. wie änderbar und kompromissfähig die geäußerten Positionen der Akteure sind.
Die Dynamik dieser normativen Systeme wird anhand von drei Variablen untersucht, die in der Forschung als mögliche „Treiber“ von Normevolution identifiziert wurden. Dabei handelt es sich um „Normunternehmer“, intrinsische Konflikte bereits existierender normativer Systeme, sowie extrinsische Faktoren (z. B. technologischer „Fortschritt“ und saliente internationale Ereignisse).
In einzelnen Fallstudien wird mit Hilfe inhalts- und prozessanalytischer Verfahren geprüft, ob und, wenn ja, welchen Einfluss konfligierende Gerechtigkeitsansprüche auf die Schaffung bzw. Veränderung - auch die Schwächung und den Zerfall - von internationalen Normen ausüben. Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem der Frage, inwieweit Gerechtigkeitskonflikte die Dynamik der Normsysteme prägen.
Das Forschungsprojekt wird vom Exzellenzcluster der Universität Frankfurt „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ unterstützt.